Auf Tuchfühlung mit dem Buddhismus

Die UCIA (Utsunomiya City International Association) organisierte am ersten Dezemberwochenende eine Bustour nach Nikko und der Ausflug war den Schrein- und Tempelanlagen gewidmet. Auf dem Plan stand eine Zen-Meditation, etwas Kalligraphie, eine vegetarische Mahlzeit und natürlich der Besuch von Pagoden und Tempeln. Davon findet man in der Gegend um Nikko jedenfalls zu genüge. Dabei kann man sich auch Gedanken zur Religion selber machen. An sich nicht so meins, aber es ist wie die Sprache und die Kultur eben unumgänglich.

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Religion ist neben der Politik und dem Geld eine der drei universellen Ordnungen unserer Welt. Und da hat Japan mit dem Shintoismus und dem Buddhismus eben auch seine eigene Währung. Die Glaubenstätten im Shintō sind die Schreinanlagen (Jinja) und im Buddhismus die Tempel (Tera), wobei sich in Japan vieles vermischt. In Europa sind die Glaubenstätten für Touristen ja genauso beliebte Ausflugsziele und irgendwie vom Kultfaktor vergleichbar.

Als westlicher Erdenmensch kennt man für gewöhnlich das Gebot mit dem einzigen Gott und dem Leben nach dem Tod. In Japan gibt es den einzig wahren Gott nicht, Buddhismus und Shintoismus ergänzen sich da gleichermaßen mit einer Menge an Heiligen. Grob gesagt konzentriert sich der Shintoismus mehr auf das Leben selbst, während man mit dem Buddhismus auch den Totenkult im Gepäck hat. 80% der Japaner sind gleichzeitig Buddhisten und Shintōisten. Im Allgemeinen nehmen es die Religionsanhänger aber eh nicht so genau mit Ihren Regeln. Bei den Glaubenserklärungen selber kommt man auch nicht umher, sich gedanklich ganz schön zu verrenken. In der Wissenschaft kann man sich genauso den Kopf zerbrechen, allerdings werden die Erkentnisse da nicht als endgültige Wahrheit einbetoniert.

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Ein Torī als Eingang zu einem der Shintō-Schreine in Nikko

Der Shintoismus ist sehr an der Natur orientiert und so ziemlich alles kann eine Gottheit darstellen. Diese überirdischen Figuren werden aber nicht als Gott bezeichnet, sondern sind im japanischen die sogenannten Kami. Und statt einem einzigen dieser Gestalten hat man jede Menge von Ihnen. Wobei alles was in irgendeiner Form außergewöhnlich und ehrfurchtgebietend ist, ein Kami sein kann. Egal ob Lebewesen oder Naturerscheinung, zum Beispiel in Form eines Berges, dem japanischen Kaiser (Tennō), einer Pflanze, nem Baum oder auch Tieren. Das mit der Naturverbundenheit ist in Japan an sich auch nicht verwunderlich, denn die kriegt man stark zu spüren. Japan ist ein Archipel und rundherum vom Meer umgeben, mehr als 2/3 der Landmasse besteht aus Gebirgen und die tektonische Plattenkonstellation mitsamt dem Pazifischen Feuerring sorgen für häufige Erdbeben oder Vulkanausbrüche. Sogar eine Taifunsaison ist im Kalender vermerkt und den Japanern liebste Beschäftigung ist der Geothermie zu verdanken: Das Baden im Onsen 🙂

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Der Buddhismus ist sogar eine Weltreligionen, wobei es vielleicht auch als Philosophie durchgeht. Die übermenschliche Natur ergibt sich dort ebenfalls aus Naturgesetzen und Götter sind nicht von Interesse, allerdings erlaubt. Wenn man sich Regen wünscht oder den Jackpot im Lotto knacken will, kann man seine Gebete an die entsprechende Adresse senden. Götter haben im Buddhismus aber keine Macht auf unser Denk- und Verhaltensmuster. Dem Begründer des Buddhismus (Siddhartha Gautama, ca. 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung) war vielmehr der unzufriedene Geist das Hauptaugenmerk. Irgendwie merkte er wie unzufrieden die Leute um Ihn herum sein können, selbst wenn Sie grundsätzlich nichts zu klagen hatten. Das erklärte er sich mithilfe folgender Feststellung: Jede Erfahrung erweckt unser Begehren, so soll das Leid immer aufhören und Glück nie enden. Genau diesen Teufelskreis konnte er mithilfe von Meditationstechniken verlassen um sich auf eine einzige Frage zu konzentrieren: „Was spüre ich in diesem Moment“ anstelle von „Was würde ich lieber spüren“. Alles Unwichtige soll bei einer Meditation abgelegt werden um den Zustand völliger Ruhe und Gelassenheit zu erreichen. Nach wie vor ist man zwar Unannehmlichkeiten ausgesetzt, hat aber kein Leid dafür. Diesen Zustand nennt man Nirwana (Erlöschen des Feuers). Die Meditation ist also ein Werkzeug um so eine Stufe zu erreichen. Buddhistische Statuen zeigen nicht umsonst sehr oft in sich gekehrte Figuren im Lotussitz.

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Quelle: japan-guide.com (Kanmangafuchi-Statuen bei Nikko)

Die Idee ist vielleicht gar nicht mal so schlecht. Wobei warscheinlich selbst Mönche mit Fantasie und Sehnsüchten durchs Leben gehen. Wie sonst wurde das Bierbrauen zur großen Kunst in den Klöstern erhoben? Ja gut, die Mönche im Buddhismus trinken lieber Grünen Tee statt Gerstensaft. Aber selbst wer nicht die religiösen Werkzeuge zur Hand hat, kann im Stillen seine Wünsche hegen. Zum Beispiel gemäß einem alten Volkslied: „Man kann ja im Herzen stets lachen und scherzen und denken dabei –  die Gedanken sind frei“ 😀

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Nachdem unser Bus an der Tempelanlage in Nikko ankam, wurden wir von einem buddhistischen Priester empfangen. Wir nahmen unsere Sitzposition ein und bekamen folgende Meditationsregel vorgelegt: „Zähle jeden Atemzug von 1 bis 10 und fange dann wieder von vorne an“. An sich nicht schwer, aber damit sollten wir eben alles andere ausblenden. Wir wurden ermuntert den Rücken gerade zu halten und die Augen fast zu schließen. Man hat uns gesagt: „beim Ausatmen das Schlechte herauslassen und beim Einatmen Buddha hereinlassen“. Die zwanzig minütige Meditationsphase verging recht locker, zumal der Priester und sein Assistent auch umherliefen und uns einmal auf den Rücken klopften. Ich bin mir sicher, dass in der Zeit dazwischen einige eingenickt sind 😉

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Nach Nikko machte ich einen meiner ersten Ausflüge in Japan und nebenbei schloss sich an dem Wochenende ein wenig der Kreis meiner Japanreise. Vor allem waren es an dem Tag auch die Leute drumherum, die einen auf Japanisch und Englisch sowas wie Freundschaft vermittelten.

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